Gleitzeitregelung rechtssicher gestalten
Gleitzeit bietet Flexibilität für Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Aber ohne klare Regelung drohen Streitigkeiten und rechtliche Probleme. Wie gestalten Sie eine rechtssichere Gleitzeitvereinbarung?
Das Wichtigste in Kürze
- Gleitzeit muss schriftlich vereinbart werden (Betriebsvereinbarung oder Arbeitsvertrag)
- Kernarbeitszeit und Gleitzeitrahmen klar definieren
- Arbeitszeitkonto mit Ober-/Untergrenzen regeln
- Zeiterfassung ist auch bei Gleitzeit Pflicht
- Arbeitszeitgesetz (Höchstarbeitszeit) gilt trotz Flexibilität
Rechtlicher Hinweis
Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und stellt keine Rechtsberatung dar. Für verbindliche Auskünfte wenden Sie sich bitte an einen Fachanwalt für Arbeitsrecht.
Was ist Gleitzeit?
Definition
Gleitzeit bedeutet, dass Arbeitnehmer Beginn und Ende ihrer Arbeitszeit innerhalb eines festgelegten Rahmens selbst bestimmen können.
Bestandteile
| Element | Beschreibung |
|---|---|
| Gleitzeitrahmen | Zeitfenster, in dem gearbeitet werden kann |
| Kernarbeitszeit | Zeitraum, in dem Anwesenheitspflicht besteht |
| Sollarbeitszeit | Vertraglich vereinbarte Arbeitszeit |
| Gleitsaldo | Plus-/Minusstunden auf dem Arbeitszeitkonto |
Beispiel
Gleitzeitrahmen: 6:00-20:00 Uhr Kernarbeitszeit: 10:00-15:00 Uhr Sollarbeitszeit: 8 Stunden/Tag
→ Mitarbeiter kann zwischen 6:00 und 10:00 Uhr beginnen und entsprechend früher oder später aufhören.
Rechtliche Grundlagen
Kein gesetzlicher Anspruch
Es gibt keinen gesetzlichen Anspruch auf Gleitzeit. Sie muss vereinbart werden:
- Tarifvertrag
- Betriebsvereinbarung
- Arbeitsvertrag
Mitbestimmung
§ 87 Abs. 1 Nr. 2 BetrVG: Der Betriebsrat hat bei Gleitzeit Mitbestimmungsrecht.
Folge: In Betrieben mit Betriebsrat: Betriebsvereinbarung erforderlich.
Arbeitszeitgesetz
Gilt auch bei Gleitzeit:
- Max. 10 Stunden pro Tag
- Ausgleich auf 8 Stunden im Durchschnitt
- Ruhezeiten (11 Stunden)
- Pausenregelungen
Hinweis
Gleitzeit befreit nicht von den Grenzen des Arbeitszeitgesetzes. Auch wenn der Mitarbeiter selbst entscheidet, wann er arbeitet, darf er nicht mehr als 10 Stunden pro Tag arbeiten.
Kernelemente einer Gleitzeitregelung
1. Gleitzeitrahmen
Definition: Der Zeitraum, innerhalb dessen Arbeit zulässig ist.
Üblich:
- Beginn: 6:00-7:00 Uhr
- Ende: 18:00-20:00 Uhr
Wichtig: Außerhalb des Gleitzeitrahmens ist Arbeit nur in Ausnahmen (Überstundenanordnung) möglich.
2. Kernarbeitszeit
Definition: Zeitraum, in dem alle Mitarbeiter anwesend sein müssen.
Üblich:
- Vormittag: 9:00/10:00 bis 12:00 Uhr
- Nachmittag: 13:00/14:00 bis 15:00/16:00 Uhr
Funktion:
- Erreichbarkeit sicherstellen
- Meetings ermöglichen
- Teamarbeit fördern
Alternative: „Funktionszeit" – nicht jeder muss da sein, aber die Funktion muss besetzt sein.
3. Sollarbeitszeit
Definition: Die vertraglich vereinbarte Arbeitszeit pro Tag/Woche/Monat.
Bei Gleitzeit:
- Tägliche Sollzeit (z.B. 8 Stunden)
- Oder: Wöchentliche Sollzeit (z.B. 40 Stunden)
- Oder: Monatliche Sollzeit (z.B. 174 Stunden)
4. Arbeitszeitkonto
Funktion: Erfasst Plus- und Minusstunden gegenüber der Sollzeit.
Regelungsbedarf:
- Obergrenze (z.B. +40 Stunden)
- Untergrenze (z.B. -20 Stunden)
- Ausgleichszeitraum
- Umgang bei Überschreitung
Tipp
Definieren Sie klare Grenzen für das Arbeitszeitkonto. Ohne Grenzen sammeln sich Überstunden an, die später zu Problemen führen.
Gleitzeitvereinbarung erstellen
Form
Bei Betriebsrat: Betriebsvereinbarung (schriftlich) Ohne Betriebsrat: Arbeitsvertragliche Regelung oder betriebliche Regelung
Inhalt einer Betriebsvereinbarung
Wesentliche Punkte:
-
Geltungsbereich
- Welche Mitarbeiter/Abteilungen?
- Ausnahmen?
-
Gleitzeitrahmen
- Beginn frühestens: [Uhrzeit]
- Ende spätestens: [Uhrzeit]
-
Kernarbeitszeit
- Von [Uhrzeit] bis [Uhrzeit]
- Oder: Keine Kernarbeitszeit (Vertrauensgleitzeit)
-
Sollarbeitszeit
- Tägliche/wöchentliche/monatliche Sollzeit
-
Arbeitszeitkonto
- Obergrenze: [Stunden]
- Untergrenze: [Stunden]
- Ausgleichszeitraum: [Monate]
- Verfahren bei Überschreitung
-
Pausen
- Mindestpausen gem. ArbZG
- Pausenkorridore (z.B. 12:00-14:00 Uhr)
-
Zeiterfassung
- Art der Erfassung (Terminal, App, etc.)
- Korrekturmöglichkeiten
- Verantwortlichkeiten
-
Abwesenheiten
- Umgang mit Urlaub, Krankheit, Feiertagen
- Anrechnung auf Sollzeit
-
Sonderregelungen
- Dienstreisen
- Außentermine
- Homeoffice
-
Inkrafttreten und Kündigung
- Gültig ab [Datum]
- Kündigungsfrist
Muster-Klauseln
Gleitzeitrahmen:
„Die Arbeitszeit kann täglich frühestens um 6:00 Uhr begonnen und muss spätestens um 20:00 Uhr beendet werden."
Kernarbeitszeit:
„Während der Kernarbeitszeit von 9:30 Uhr bis 15:30 Uhr besteht grundsätzlich Anwesenheitspflicht, es sei denn, dienstliche Gründe oder genehmigte Abwesenheit rechtfertigen eine Ausnahme."
Arbeitszeitkonto:
„Das Gleitzeitkonto darf einen Saldo von +40 Stunden nicht überschreiten und von -20 Stunden nicht unterschreiten. Überschreitungen sind innerhalb von 8 Wochen auszugleichen."
Zeiterfassung bei Gleitzeit
Pflicht zur Erfassung
Nach BAG-Urteil: Auch bei Gleitzeit muss die Arbeitszeit erfasst werden.
Was erfassen:
- Arbeitsbeginn
- Arbeitsende
- Pausen
Methoden
| Methode | Eignung für Gleitzeit |
|---|---|
| Terminal | Gut (bei festem Arbeitsort) |
| Mobile App | Sehr gut (flexibel) |
| Web-Erfassung | Gut (für Büroarbeit) |
| Handschriftlich | Möglich, aber aufwändig |
Saldo-Berechnung
Automatisch: Gute Zeiterfassungssysteme berechnen den Gleitsaldo automatisch.
Formel:
Gleitsaldo = Ist-Zeit - Soll-Zeit
Tipp
Nutzen Sie ein Zeiterfassungssystem, das Gleitzeit unterstützt. Manuelle Berechnung ist fehleranfällig und zeitaufwändig.
Häufige Probleme und Lösungen
Problem 1: Saldo läuft aus dem Ruder
Symptom: Mitarbeiter sammeln +100 Stunden an.
Ursache: Keine Obergrenze oder keine Durchsetzung.
Lösung:
- Klare Obergrenzen festlegen
- Regelmäßige Kontrolle
- Eskalation bei Überschreitung
Problem 2: Kernzeit wird nicht eingehalten
Symptom: Mitarbeiter fehlen während der Kernzeit.
Ursache: Unklare Regeln oder fehlende Konsequenzen.
Lösung:
- Kernzeit klar kommunizieren
- Ausnahmen genehmigungspflichtig
- Verstöße ansprechen
Problem 3: Arbeitszeitgesetz wird verletzt
Symptom: Mitarbeiter arbeiten mehr als 10 Stunden.
Ursache: Keine Kontrolle, zu weiter Gleitzeitrahmen.
Lösung:
- Zeiterfassung mit Warnungen
- Gleitzeitrahmen enger fassen
- Führungskräfte sensibilisieren
Problem 4: Streit um Überstunden
Symptom: Mitarbeiter wollen Plusstunden ausbezahlt bekommen.
Ursache: Unklare Regelung zu Überstunden vs. Gleitzeit.
Lösung:
- Klar definieren: Plusstunden ≠ automatisch Überstunden
- Auszahlung nur bei expliziter Vereinbarung
- Freizeitausgleich als Standard
Gleitzeit im Homeoffice
Besonderheiten
Herausforderungen:
- Keine physische Anwesenheitskontrolle
- Vermischung Arbeit/Privat
- Erreichbarkeit
Regelungsbedarf
Zusätzlich festlegen:
- Gilt Kernarbeitszeit auch im Homeoffice?
- Wie wird die Zeit erfasst?
- Wie ist die Erreichbarkeit sichergestellt?
Empfehlung
Kernarbeitszeit auch im Homeoffice einhalten – für Meetings und Erreichbarkeit.
Sonderform: Vertrauensgleitzeit
Definition
Gleitzeit ohne Kernarbeitszeit – der Mitarbeiter bestimmt seine Arbeitszeit vollständig selbst.
Voraussetzungen
- Hohes Vertrauen
- Ergebnisorientierte Arbeit
- Selbstorganisierte Mitarbeiter
Zeiterfassungspflicht
Auch bei Vertrauensgleitzeit: Zeiterfassung ist nach BAG-Urteil Pflicht.
Wie vereinbar? Mitarbeiter erfasst selbst, Arbeitgeber kontrolliert nicht täglich, aber stellt das System.
Häufige Fragen zur Gleitzeitregelung
Fazit
Eine rechtssichere Gleitzeitregelung erfordert klare Definitionen: Gleitzeitrahmen, Kernarbeitszeit, Arbeitszeitkonto mit Grenzen. Die Zeiterfassungspflicht gilt auch bei Gleitzeit. Mit einer guten Betriebsvereinbarung schaffen Sie Flexibilität für Mitarbeiter und Rechtssicherheit für das Unternehmen.
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