Überstunden dokumentieren: Rechtliche Pflichten
Überstunden sind in vielen Berufen Realität. Doch welche Dokumentationspflichten bestehen, wer ist verantwortlich und wie erfassen Sie Mehrarbeit rechtssicher?
Das Wichtigste in Kürze
- Arbeitgeber müssen Arbeitszeiten über 8 Stunden täglich dokumentieren
- Nach dem BAG-Urteil 2022 gilt die Dokumentationspflicht für alle Arbeitszeiten
- Überstunden müssen zeitnah und vollständig erfasst werden
- Die Dokumentation dient dem Nachweis bei Streitigkeiten
- Verstöße können Bußgelder nach sich ziehen
Rechtlicher Hinweis
Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und stellt keine Rechtsberatung dar. Für verbindliche Auskünfte wenden Sie sich bitte an einen Fachanwalt für Arbeitsrecht.
Gesetzliche Grundlagen
§ 16 Abs. 2 Arbeitszeitgesetz
Die zentrale Vorschrift:
Der Arbeitgeber ist verpflichtet, die über die werktägliche Arbeitszeit des § 3 Satz 1 hinausgehende Arbeitszeit der Arbeitnehmer aufzuzeichnen.
Das bedeutet:
- Arbeitszeit über 8 Stunden täglich muss dokumentiert werden
- Die Pflicht trifft den Arbeitgeber
- Nachweis muss 2 Jahre aufbewahrt werden
BAG-Urteil vom 13.09.2022
Das Bundesarbeitsgericht hat entschieden:
- Arbeitgeber müssen ein System zur Arbeitszeiterfassung einrichten
- Die Pflicht gilt für alle Arbeitszeiten, nicht nur Überstunden
- Grundlage ist § 3 Abs. 2 Nr. 1 Arbeitsschutzgesetz
Konsequenz: Die Dokumentation von Überstunden ist Teil der allgemeinen Zeiterfassungspflicht.
Mindestlohngesetz
Für Minijobber und bestimmte Branchen:
- Aufzeichnung von Beginn, Ende und Dauer
- Spätestens nach 7 Tagen
- 2 Jahre Aufbewahrung
Was muss dokumentiert werden?
Pflichtangaben
| Angabe | Beschreibung | Beispiel |
|---|---|---|
| Datum | Tag der Arbeitsleistung | 15.01.2026 |
| Beginn | Uhrzeit Arbeitsbeginn | 08:00 Uhr |
| Ende | Uhrzeit Arbeitsende | 19:30 Uhr |
| Pausen | Dauer der Pausenzeit | 0:45 Stunden |
| Nettoarbeitszeit | Tatsächliche Arbeitszeit | 10:45 Stunden |
Zusätzlich empfohlen
Für die Überstundenverwaltung:
- Soll-Arbeitszeit des Tages
- Differenz (Überstunden)
- Kumuliertes Überstundenkonto
- Art des Ausgleichs (geplant)
Für Streitfälle:
- Grund der Überstunden
- Anordnung oder Genehmigung
- Unterschrift oder digitale Bestätigung
Wer ist verantwortlich?
Verantwortung des Arbeitgebers
Der Arbeitgeber muss:
- Ein geeignetes System bereitstellen
- Mitarbeiter zur Nutzung anweisen
- Vollständigkeit kontrollieren
- Aufbewahrung sicherstellen
Mitwirkungspflicht der Arbeitnehmer
Arbeitnehmer müssen:
- Ihre Zeiten korrekt erfassen
- Fehler zeitnah melden
- Das System vorschriftsmäßig nutzen
Delegation möglich
Die Erfassung kann delegiert werden:
- An den Arbeitnehmer selbst
- An Vorgesetzte
- An HR-Abteilung
Aber: Die Verantwortung bleibt beim Arbeitgeber.
Tipp
Auch wenn Mitarbeiter selbst erfassen, sollten Sie regelmäßige Stichproben durchführen und die Vollständigkeit prüfen. Die Verantwortung können Sie nicht delegieren.
Methoden der Dokumentation
Zulässige Methoden
Derzeit erlaubt:
- Elektronische Zeiterfassung (Software, App)
- Handschriftliche Aufzeichnung
- Excel-Tabellen
- Zeiterfassungsterminal
Voraussichtlich ab 2026: Die elektronische Erfassung wird verpflichtend. Ausnahmen für kleine Betriebe sind geplant.
Vor- und Nachteile
| Methode | Vorteile | Nachteile |
|---|---|---|
| Software | Automatisch, auswertbar | Kosten |
| Excel | Günstig, flexibel | Fehleranfällig, Aufwand |
| Handschriftlich | Keine IT nötig | Hoher Aufwand, unleserlich |
| Terminal | Manipulationssicher | Investitionskosten |
Anforderungen an die Methode
Die Dokumentation muss:
- Vollständig sein (alle Mitarbeiter, alle Tage)
- Richtig sein (keine Manipulation)
- Zeitnah erfolgen (möglichst am selben Tag)
- Nachvollziehbar sein (bei Prüfung)
- Aufbewahrt werden (2 Jahre)
Besondere Situationen
Überstunden im Homeoffice
Herausforderungen:
- Keine physische Anwesenheitskontrolle
- Vertrauen erforderlich
- Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen
Lösung:
- Klare Regelungen für Homeoffice-Arbeitszeiten
- Erfassung per App oder Web-Stempeln
- Regelmäßige Kommunikation
Außendienst und Reisezeit
Was zählt als Arbeitszeit:
- Dienstliche Fahrten während der Arbeitszeit: ja
- Fahrten zwischen Kunden: ja
- Weg von/zur Arbeit: in der Regel nein
- Dienstreisen: je nach Vereinbarung
Dokumentation:
- Beginn und Ende aller Arbeitstätigkeiten
- Reisezeiten separat erfassen
- Bei Dienstreisen: Regelung im Arbeitsvertrag prüfen
Rufbereitschaft und Bereitschaftsdienst
Rufbereitschaft:
- Wartezeit: keine Arbeitszeit
- Tatsächlicher Einsatz: Arbeitszeit
- Dokumentation: Nur Einsätze
Bereitschaftsdienst:
- Gesamte Zeit: in der Regel Arbeitszeit
- Dokumentation: Vollständig
Vertrauensarbeitszeit
Auch bei Vertrauensarbeitszeit gilt:
- Dokumentationspflicht besteht
- Mitarbeiter erfassen selbst
- Arbeitgeber trägt Verantwortung
Empfehlung: Auch bei Vertrauensarbeitszeit ein einfaches Erfassungssystem nutzen.
Aufbewahrung und Datenschutz
Aufbewahrungsfristen
| Datenart | Frist | Grundlage |
|---|---|---|
| Überstundennachweise | 2 Jahre | § 16 ArbZG |
| Lohnrelevante Unterlagen | 6 Jahre | HGB |
| Steuerrelevante Daten | 10 Jahre | AO |
Datenschutzanforderungen
DSGVO-konforme Dokumentation:
- Nur notwendige Daten erfassen
- Zugriff beschränken
- Nach Fristablauf löschen
- Mitarbeiter informieren
Zugriffsrechte
Wer darf was sehen:
- Mitarbeiter: eigene Daten
- Vorgesetzte: Daten ihres Teams
- HR: alle Daten (zweckgebunden)
- Betriebsrat: anonymisierte Daten
Konsequenzen bei Verstößen
Bußgelder
Nach § 22 ArbZG:
- Fehlende Dokumentation: bis 15.000 €
- Wiederholte Verstöße: bis 30.000 €
Beweislast bei Streit
Bei Überstundenstreitigkeiten:
- Arbeitnehmer muss Überstunden nachweisen
- Dokumentation dient als Beweismittel
- Fehlende Dokumentation erschwert Durchsetzung
Prüfungen durch Behörden
Die Gewerbeaufsicht kann:
- Unterlagen anfordern
- Vor-Ort-Prüfungen durchführen
- Bußgelder verhängen
Praxistipps für die Dokumentation
Für Arbeitgeber
Systemauswahl:
- Einfach zu bedienen
- Manipulationssicher
- Auswertbar
- DSGVO-konform
Prozesse:
- Klare Richtlinie erstellen
- Mitarbeiter schulen
- Regelmäßig kontrollieren
- Fristen überwachen
Für Arbeitnehmer
Eigene Dokumentation:
- Zusätzlich selbst erfassen
- Bei Streit als Nachweis
- Auch ohne Arbeitgeberanordnung
Bei Problemen:
- Fehlende Erfassung melden
- Korrekturen einfordern
- Dokumentation aufbewahren
Hinweis
Führen Sie parallel zur offiziellen Zeiterfassung eine eigene Dokumentation. Bei Streitigkeiten haben Sie so einen zusätzlichen Nachweis Ihrer Arbeitszeiten.
Muster für Überstundendokumentation
Einfache Tabelle
Datum | Beginn | Ende | Pause | Arbeitszeit | Soll | Überstunden
------|--------|------|-------|-------------|------|------------
15.01 | 08:00 | 19:30| 0:45 | 10:45 | 8:00 | +2:45
16.01 | 08:30 | 17:00| 0:30 | 8:00 | 8:00 | 0:00
17.01 | 07:45 | 18:30| 0:45 | 10:00 | 8:00 | +2:00
Erweitertes Formular
Zusätzliche Felder:
- Grund für Überstunden
- Genehmigung durch (Name)
- Geplanter Ausgleich (Freizeit/Bezahlung)
- Unterschrift Mitarbeiter
- Unterschrift Vorgesetzter
Häufige Fragen zur Überstundendokumentation
Fazit
Die Dokumentation von Überstunden ist seit dem BAG-Urteil 2022 Teil der allgemeinen Zeiterfassungspflicht. Arbeitgeber sollten ein zuverlässiges System einrichten, Mitarbeiter schulen und die Vollständigkeit kontrollieren. Eine sorgfältige Dokumentation schützt beide Seiten bei Streitigkeiten.
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