Überstunden erfassen: Richtig dokumentieren
Überstunden müssen dokumentiert werden – nicht nur wegen der Zeiterfassungspflicht, sondern auch um Ansprüche nachzuweisen. Eine lückenlose Erfassung schützt Arbeitnehmer und Arbeitgeber gleichermaßen.
Das Wichtigste in Kürze
- Überstunden sind Arbeitszeiten über die vereinbarte Regelarbeitszeit hinaus
- Die Erfassung ist Pflicht des Arbeitgebers, aber auch im Interesse des Arbeitnehmers
- Dokumentation muss zeitnah und vollständig erfolgen
- Ohne Nachweis sind Überstundenansprüche schwer durchsetzbar
- Digitale Systeme erleichtern die Erfassung und den Nachweis
Was sind Überstunden?
Definition
Überstunden entstehen, wenn Mitarbeiter länger arbeiten als vertraglich vereinbart.
Beispiel:
- Vertragliche Arbeitszeit: 40 Stunden/Woche
- Tatsächlich gearbeitet: 45 Stunden/Woche
- Überstunden: 5 Stunden
Abgrenzung: Überstunden vs. Mehrarbeit
| Begriff | Definition |
|---|---|
| Überstunden | Über vertragliche Arbeitszeit hinaus |
| Mehrarbeit | Über tarifliche Arbeitszeit hinaus |
| Zuschlagspflichtige Mehrarbeit | Über gesetzliche Höchstgrenzen hinaus |
In der Praxis werden die Begriffe oft synonym verwendet.
Wann entstehen Überstunden?
Typische Situationen:
- Projektdruck/Deadlines
- Personalmangel
- Saisonale Spitzen
- Notfälle
- Kundentermine außerhalb der Regelzeit
- Vertretung abwesender Kollegen
Warum ist Erfassung wichtig?
Rechtliche Gründe
Für den Arbeitgeber:
- Erfüllung der Zeiterfassungspflicht
- Nachweis bei Behördenprüfungen
- Einhaltung des Arbeitszeitgesetzes
- Beweissicherung bei Streitigkeiten
Für den Arbeitnehmer:
- Nachweis für Vergütungsansprüche
- Beleg für Freizeitausgleich
- Dokumentation für Arbeitszeugnis
- Schutz vor unbezahlter Mehrarbeit
Praktische Gründe
- Kapazitätsplanung
- Personaleinsatz optimieren
- Kosten kontrollieren
- Überlastung erkennen
Tipp
Auch wenn Überstunden mit dem Gehalt abgegolten sein sollen, müssen sie erfasst werden. Die Pauschalabgeltungsklausel befreit nicht von der Dokumentationspflicht.
Was muss erfasst werden?
Pflichtangaben
| Angabe | Beispiel |
|---|---|
| Datum | 15.03.2026 |
| Beginn reguläre Arbeitszeit | 08:00 Uhr |
| Ende reguläre Arbeitszeit | 17:00 Uhr |
| Tatsächliches Ende | 19:00 Uhr |
| Pausenzeiten | 12:00-12:30 Uhr |
| Überstunden | 2 Stunden |
Empfohlene Zusatzangaben
- Grund für Überstunden: Projektabschluss, Kundentermin
- Anordnung durch: Name des Vorgesetzten
- Genehmigung: Vorab oder nachträglich
- Art der Kompensation: Auszahlung, Freizeitausgleich
Besondere Überstundenarten
Zuschlagsrelevant:
- Nachtarbeit (23:00-06:00 Uhr)
- Sonntagsarbeit
- Feiertagsarbeit
Separate Erfassung empfohlen, da höhere Zuschläge.
Methoden der Erfassung
Manuelle Erfassung
Papier-Stundenzettel:
- Einfach und kostengünstig
- Fehleranfällig
- Aufwendige Auswertung
- Manipulierbar
Excel-Tabelle:
- Automatische Berechnung möglich
- Versionscontrolle schwierig
- Kein Zugriffsschutz
- Bei vielen Mitarbeitern unübersichtlich
Digitale Erfassung
Zeiterfassungssoftware:
- Automatische Berechnung
- Unveränderliches Protokoll
- Echtzeit-Übersicht
- Auswertungen und Reports
- Integration mit Lohnbuchhaltung
Vorteile:
- Zeitsparend
- Rechtssicher
- Transparent
- Nachvollziehbar
Hinweis
Digitale Zeiterfassung ist nicht nur praktischer, sondern auch rechtssicherer. Manipulationen sind nachvollziehbar, und die Daten sind langfristig verfügbar.
Schritt-für-Schritt: Überstunden erfassen
1. Arbeitsbeginn dokumentieren
- Zeitstempel beim Einstempeln
- Tatsächlicher Arbeitsbeginn, nicht geplanter
2. Arbeitsende dokumentieren
- Zeitstempel beim Ausstempeln
- Tatsächliches Ende der Arbeit
3. Pausen abziehen
- Gesetzliche Pausenzeiten berücksichtigen
- Tatsächliche Pausen erfassen
4. Sollzeit vergleichen
- Vertraglich vereinbarte Arbeitszeit
- Differenz = Überstunden (oder Minusstunden)
5. Überstunden kategorisieren
- Angeordnet vs. geduldet
- Zuschlagsrelevant vs. normal
- Freizeitausgleich vs. Auszahlung
6. Genehmigung einholen
- Vorab: Antrag auf Überstunden
- Nachträglich: Bestätigung durch Vorgesetzten
Nachweis von Überstunden
Beweislast
Grundsatz: Der Arbeitnehmer muss nachweisen:
- Dass Überstunden geleistet wurden
- Wann und wie lange
- Dass sie angeordnet/geduldet/notwendig waren
Was ist ein gültiger Nachweis?
Starke Nachweise:
- Zeiterfassungsdaten (idealerweise digital)
- Unterschriebene Stundenzettel
- E-Mails mit Anordnung/Genehmigung
- Protokolle/Tickets/Projektdokumentation
Schwächere Nachweise:
- Eigene Aufzeichnungen ohne Bestätigung
- Zeugenaussagen
- Indizien (z.B. gesendete E-Mails nachts)
Aufbewahrungsfristen
| Dokument | Frist |
|---|---|
| Arbeitszeitnachweise | 2 Jahre (nach ArbZG) |
| Lohnabrechnungen | 6 Jahre (steuerlich) |
| Bei Streit | Bis zur Klärung aufbewahren |
Tipp
Bewahren Sie Ihre Überstundennachweise auch privat auf. Im Streitfall können Sie so Ihre Ansprüche belegen – unabhängig davon, was der Arbeitgeber dokumentiert hat.
Sonderfälle
Überstunden im Homeoffice
Herausforderung: Keine physische Anwesenheitskontrolle.
Lösung:
- Digitale Zeiterfassung
- Aktivitätsprotokolle (Login-Zeiten)
- Selbstdokumentation mit Bestätigung
- Projektbezogene Zeiterfassung
Vertrauensarbeitszeit
Situation: Keine tägliche Zeiterfassung vereinbart.
Aber: Überstunden müssen trotzdem erfasst werden, um Ansprüche zu sichern.
Empfehlung: Eigene Dokumentation führen, regelmäßig mit Vorgesetztem abstimmen.
Reisezeit
Frage: Ist Reisezeit Überstunde?
Antwort: Kommt darauf an:
- Reisezeit während Arbeitszeit: Arbeitszeit
- Reisezeit außerhalb: Je nach Vereinbarung
- Arbeiten während Reise: Arbeitszeit
Rufbereitschaft
Erfassung:
- Rufbereitschaft selbst: Keine Arbeitszeit
- Tatsächlicher Einsatz: Arbeitszeit/Überstunden
- Reaktionszeit: Je nach Rechtsprechung
Überstunden genehmigen
Vorab-Genehmigung
Prozess:
- Mitarbeiter stellt Antrag
- Vorgesetzter genehmigt
- Überstunden werden geleistet
- Erfassung erfolgt
Vorteil: Klare Anordnung, keine Diskussion über Notwendigkeit.
Nachträgliche Genehmigung
Prozess:
- Überstunden werden geleistet
- Erfassung erfolgt
- Vorgesetzter bestätigt nachträglich
Risiko: Überstunden könnten abgelehnt werden.
Duldung
Situation: Arbeitgeber weiß von Überstunden und schreitet nicht ein.
Rechtlich: Geduldete Überstunden sind wie angeordnete zu behandeln.
Dokumentation: Schriftliche Bestätigung anfordern.
Auswertung und Kontrolle
Regelmäßige Reports
Empfohlene Auswertungen:
- Wöchentliche Überstundenübersicht
- Monatliche Zusammenfassung pro Mitarbeiter
- Vergleich Abteilungen
- Trend über Zeit
Kennzahlen
| Kennzahl | Bedeutung |
|---|---|
| Überstundenquote | Verhältnis Überstunden zu Sollstunden |
| Durchschnittliche Überstunden/MA | Belastung im Team |
| Überstunden-Hotspots | Wo fallen am meisten an? |
| Ausgleichsquote | Wie viel wird abgebaut? |
Warnsignale
Handlungsbedarf bei:
- Dauerhafte Überstunden einzelner Mitarbeiter
- Steigende Überstundentrends
- Überstunden ohne erkennbaren Grund
- Fehlende Genehmigungen
Digitale Hilfsmittel
Anforderungen an Software
Muss-Funktionen: ☐ Automatische Berechnung von Überstunden ☐ Unterscheidung Soll/Ist ☐ Genehmigungsworkflow ☐ Auswertungen und Export ☐ Unveränderliches Protokoll
Kann-Funktionen: ☐ Mobile Erfassung ☐ Integration Lohnbuchhaltung ☐ Zuschlagsberechnung ☐ Warnungen bei Grenzwerten
Vorteile der Automatisierung
| Aspekt | Manuell | Digital |
|---|---|---|
| Zeitaufwand | Hoch | Gering |
| Fehlerquote | Hoch | Gering |
| Nachvollziehbarkeit | Schwierig | Einfach |
| Auswertung | Aufwendig | Automatisch |
| Rechtssicherheit | Mittel | Hoch |
Häufige Fragen zur Überstundenerfassung
Fazit
Überstunden richtig zu erfassen ist Pflicht und Schutz zugleich. Eine lückenlose Dokumentation sichert Ansprüche, schafft Transparenz und hilft, Überlastung zu erkennen. Digitale Lösungen machen die Erfassung einfach, zuverlässig und rechtssicher.
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